To photograph is to hold one’s breath, when all faculties converge to capture fleeting reality. It’s at that precise moment that mastering an image becomes a great physical and intellectual joy.

Henri Cartier-Bresson

In dem Essay-Band „Der Augenblick der Fotografie“ beschreibt der Autor John Berger ein kurzes Treffen mit Henri Cartier-Bresson.

Die beiden unterhalten sich über das Wesen der Fotografie. Dabei verrät der legendäre französische Fotograf und Gründer der Bild-Agentur „Magnum Photos“ einige bemerkenswerte Details über seinen kreativen Prozess bei der Suche nach Motiven.

Der „entscheidende Moment“ in der Fotografie

Henri Cartier-Bresson liefert eine Erklärung dafür, was er mit „entscheidender Moment“ meint.

Ein Begriff, den er selbst prägte und damit den richtigen Augenblick bezeichnet, um auf den Auslöser der Kamera zu drücken.

Laut Henri Cartier-Bresson ist Fotografie einfach „das Drücken des Auslösers zur richtigen Zeit“. Klingt banal – oder? Dennoch ist die Feststellung ebenso richtig wie komplex.

Und überhaupt: Wer würde es wagen, die Expertise des Mannes in Frage zu stellen, den viele als das „Auge des 20. Jahrhunderts“ verehren?

Natürlich verbirgt sich hinter der einfach klingenden Definition von Cartier-Bresson eine Menge mehr. An erster Stelle steht, dass man überhaupt in der Lage sein muss:

1.) den richtigen Moment zu erkennen …

und

2.) … die Kamera bereit zum Abdrücken zu haben.

Die gute Nachricht ist, dass man seinen fotografischen Blick so schulen kann, dass man den entscheidenden Moment kommen sieht oder zumindest erahnt.

Was meinte Henri Cartier-Bresson, wenn er vom „entscheidenden Moment“ sprach?

Kein Zweifel, viele großartige Fotos sind das Resultat von spontanen, unvorhersehbaren Momenten, die sich vor der Linse des Fotografen abgespielt haben.

In solchen Fällen ist eine Mischung aus Glück und flinken Händen der Schlüssel dafür, das flüchtige Geschehen festzuhalten, bevor die Szene vorbei ist. Das gilt besonders für Street Photography und Dokumentarfotografie.

Andererseits kann man sich durchaus auf scheinbar lautlos vorbeihuschende Augenblicke vorbereiten, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, diese doch einzufangen.

Instinkt ist bis zu einem bestimmten Grad trainierbar.

Zu allererst kannst du dich mit einem Ort im Vorfeld vertraut machen. Wenn du eine Umgebung entdeckst, die sich aus deiner Sicht gut für ein Shooting eignet, solltest du so viele Informationen wie möglich sammeln, bevor du überhaupt die Kamera zum ersten Mal in die Hand nimmst.

Mache dich so vertraut wie möglich mit der Umgebung:

  • Wie ist der Lichteinfall zu bestimmten Tageszeiten?
  • Wie fallen die Schatten?
  • Wo und wie wird das Licht reflektiert?
  • Welche „Kulissen“ und „Bühnenbilder“ sind denkbar?
  • Welche Requisiten bietet der Ort? Bäume? Gebäude? etc.
  • Wenn es ein belebter Ort ist, dann studiere genau, von wo die Menschen kommen? In welche Richtung bewegen sie sich? An welchen Punkten könnte es zu spannenden Überschneidungen mit der Umgebung kommen?
  • Welche Perspektiven gibt es? Kannst du zum Beispiel auf eine Mauer steigen? Oder gibt es umgekehrt die Möglichkeit, die Froschperspektive zu wählen.

Das sind nur ein Anregungen, wie du vorgehen kannst. Nutze deine Fantasie und caste deine Bühne so detailliert wie möglich.

Du wirst feststellen, dass es gibt unendlich viele Möglichkeiten gibt, dem „entscheidenden Moment“ auf die Sprünge zu helfen oder ihn sogar ein Stück weit zu kontrollieren.

Für die Komposition eines Bildes entscheidende Elemente wie Licht, Farbe, Form, Textur oder Linien oder Texturen lassen sich wunderbar im Vorab analysieren, damit du dich im richtigen Moment auf das Drücken des Auslösers konzentrieren kannst.

Slideshow der besten Fotos von Henri Cartier-Bresson

Um noch deutlicher zu machen, wie Henri Cartier-Bresson den „entscheidenden Moment“ in seinen Bildern bannte, findest du unten zwei Beispiele.

Beide Fotos wurden an einem Ort aufgenommen, der sowohl eine spannende Bühne als auch einen natürlichen Rahmen lieferte.

In dem ersten Fall ist es die Geometrie der Treppe, des Asphalts und des Verlaufs der Straße. Bei dem zweiten Foto ist es das Loch in der Wand, das einen perfekten Rahmen für das Geschehen bildet.

Wenn du als Fotograf solche Orte gefunden hast, brauchst du nichts weiter zu tun als warten, bis sich alle Elemente im perfekten Moment fügen. Geduldig, wie eine Spinne im Netz.

Im Fall von Henri Cartier-Bresson kam irgendwann ein Radfahrer um die Ecke beziehungsweise die Kinder positionierten sich in scheinbar arrangierter Harmonie um das Loch in der Mauer herum.

Beispiele für den „entscheidenden Moment“ in den Bildern von Henri Cartier-Bresson

Another example for the decisive moment in an image from Henri Cartier-Bresson
French photographer Henri Cartier-Bresson coined the term of the decisive moment in photography – Image © Henri Cartier-Bresson
Taking a picture at the right time is referred to as the decisive moment
French photographer Henri Cartier-Bresson coined the term of the decisive moment in photography – Image © Henri Cartier-Bresson

Du siehst also, dass es nicht immer einzig darum geht, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Glück und Zufall heißt jeder gute Fotograf natürlich willkommen. Allein davon abhängig ist er aber nicht. Außerdem gehört ein hohes Maß an Instinkt dazu, um herausragende Bilder zu machen.

Es ist möglich, deinen fotografischen Blick so zu trainieren, dass du in der Lage bist, den „entscheidenden Moment“ zu antizipieren – auf einer unterbewussten Ebene. Es erfordert viel Übung, um diese Fähigkeit zu entwickeln. Aber es lohnt sich, sein Auge im fotografischen Sehen zu schulen. Du wirst sehen, wie sich die Qualität deiner Fotos mit der Zeit dramatisch verbessert. All deine Erfahrungen fließen ein in deine Aufnahmen – oder wie es Henri Cartier-Bresson in einem Interview mit John Berger ausdrückte:

Nothing gets ever lost. All that one has seen is always going to be present.

Henri Cartier-Bresson betont die Bedeutung von Disziplin und kontinuierlichem Training des Auges. Jede Erfahrung und jedes Foto, das man macht, unterstützt den langen und niemals endenden Prozess hin zu einem eigenen und unverwechselbaren fotografischen Stil.

Das Gute daran: Du musst nicht einmal immer eine Kamera zur Hand haben.

Ob in der U-Bahn, auf der Straße oder in Gesellschaft von Freunden – egal, wo du bist, versuche deine Umgebung fotografisch zu sehen. So, als würdest du mit deinen Augen durch den Sucher einer Kamera schauen.

Welchen Ausschnitt würdest du wählen? Wann würdest du den Auslöser drücken? Das ist ein spannendes Experiment, das dir dabei hilft, Motive um dich herum zu erkennen. Stelle dir immer wieder die Frage: Wie würde das aussehen, wenn ich davon ein Foto mache?

Das Leben von Meisterfotograf Henri Cartier-Bresson war reich an extremen Erfahrungen: Er streifte als Jäger durch den Dschungel, litt als Kriegsgefangener und gründete 1947 gemeinsam mit Robert Capa, David Seymour und George Rodger die mittlerweile legendäre Bild-Agentur „Magnum Photos“.

Aber auch der Alltag ist reich an wundervollen Augenblicken. In jedem Moment steckt etwas Zauberhaftes. Und die Fotografie ist ein Werkzeug, dies zu erkennen.

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