Fotografie mit dem Mobiltelefon

7 Tipps für Street Photography mit dem iPhone

Kai Behrmann

Die beste Kamera ist die, die du dabei hast. Und bei den meisten Menschen ist das ihr Smartphone. Viele beschäftigen sich leider viel zu intensiv mit Technik, anstatt einfach zu fotografieren. Das ist schade und aus meiner Sicht der falsche Weg.

Themen

Darum geht es in dieser Folge

Ein angehender Koch wartet ja auch nicht, bis er sich die teuersten Edelstahltöpfe leisten kann, bevor er anfängt, seine ersten Gerichte zuzubereiten. Konzentriere dich also zunächst auf das Handwerk und entwickele deinen eigenen Stil.

 

Bei der Ausrüstung kannst du später immer noch aufrüsten. Für den Anfang reicht das iPhone (oder jedes andere Android-Smartphone) vollkommen aus – du wirst sehen. Lasse dich einfach ein auf das Abenteuer iPhone Street Photography.

 

So setzt du dein iPhone effektiv ein in der Street Photography

In diesem Artikel möchte ich dir zeigen, wie vielfältig du das iPhone bei der Street Photography einsetzen kannst. Ob auf dem Weg zu Arbeit oder beim Spazierengehen – im Alltag entdeckst du auf Schritt und Tritt faszinierende Motive, die es sich lohnt festzuhalten. Je handlicher die Kamera, desto besser – denn das Tempo in der Straßenfotografie ist hoch und du brauchst eine schnelle Reaktionszeit. Vor allem, wenn es um Menschen geht, die umhereilen und ständig in Bewegung sind. Das scheinbare Chaos zu bändigen und die Geschichten des Alltags einzufangen ist für mich das Faszinierende an dieser Art des Fotografierens.

 

Zwar kann Street Photography vieles bedeuten. In erster Linie geht es aber um Menschen. Und das stellt oft eine gewisse Hürde da. Denn fremde Menschen auf der Straße zu fotografieren, ist nicht jedermanns Sache. Wenn du eher schüchtern bist, kostet es dich wahrscheinlich Überwindung, ganz nah ranzugehen mit der Kamera. Nicht jeder ist wie Magnunm-Fotograf Bruce Gilden, der für seine aggressive „Shoot in your face“-Mentalität bekannt ist.

 

Du fragst dich dagegen vielleicht eher: Wie wird die Person wohl reagieren?

 

Manche Menschen gehen einfach weiter, aber natürlich kann es auch passieren, dass jemand wissen möchte, was du machst und wofür die Bilder verwendet werden. Im besten Fall entsteht daraus ein spannendes Gespräch über Streetphotography. Aber längst nicht jeder ist so offen. Je nach Land gelten zudem unterschiedliche gesetzliche Bestimmungen, was in der Straßenfotografie erlaubt ist und was nicht. Die Regeln gelten zwar auch für Fotos, die du mit dem iPhone machst – allerdings bist du viel unauffälliger und kannst leichter in der Masse verschwinden. Doch das ist nur einer von zahlreichen Vorteilen, die das Fotografieren mit deiner Handykamera bietet.

 

Welche das sind, erkläre ich dir im weiteren Verlauf.

 

Zunächst möchte ich dir aber zehn Techniken zeigen, wie du möglichst diskret auf Motivsuche gehst.

 

So bleibst du unerkannt beim Fotografieren

Auslösen

Du musst nicht den Auslöser-Knopf deiner Foto-App drücken. Alternativ kannst du dafür den „+“-Regler der Laustärke nutzen – entweder direkt am iPhone oder per Kopfhörer. Das bietet dir einige Vorteile…

 

Kopfhörer

Ich benutze beim Fotografieren immer Kopfhörer. Die Leute um mich herum denken dann, ich würde Musik hören.

 

Gesten

Werde eins mit deiner Umgebung und errege möglichst wenig Aufmerksamkeit. Tue Dinge, die andere Menschen um dich herum auch tun. Es gibt viele Möglichkeiten davon abzulenken, was du wirklich tust – nämlich fotografieren.

 

Zum Beispiel:

  • Stretchen: Mit dem iPhone in der Hand kannst du so Menschen fotografieren, die in deiner Nähe sind. Recke und dehne dich mit ausgebreiteten Armen. Wähle die Perspektive und den passenden Ausschnitt – und drücke dann per Lautstärke-Regler an deinen Kopfhörern ab.
  • Gähnen: Die Stretch-Bewegung lässt sich auch mit einem Gähnen kombinieren. Keiner wird vermuten, dass du eigentlich fotografierst.
  • Telefonieren / Tippen: Wirke so konzentriert wie möglich. Entweder du findest dabei schon den richtigen Ausschnitt oder du hältst kurz inne, schaust abwesend in die Gegend und richtest die Kamera richtig aus.
  • Denkerpose: Stütze dein Kinn auf dein Telefon und blicke nach unten. Wirke so Gedanken verloren wie möglich. Meide Augenkontakt. Lächele, als würdest du eine etwas hören, dass dir gefällt. Runzele die Stirn, als würdest du über etwas nachdenken. Wirke ganz bei dir. Als würdest du deine Umgebung gar nicht wahrnehmen. Ein weiterer Vorteil: Dein Kinn ist ein Stabilisator für das iPhone.

Wichtig: Achte bei allen Techniken darauf, dass du beim Auslösen für einen kurzen Moment innehältst. Sonst ist anschließend alles verwackelt und unscharf.

 

Der US-amerikanischen Street Photographer Richard Koci Hernandez ist ein gutes Beispiel dafür, wie du die oben beschriebenen Techniken praktisch umsetzen kannst. Für meinen englischsprachigen Blog „The Art of Creative Photography“ habe ich Richard vor einiger Zeit interviewt. In dem Artikel „Human Narratives With A Film-Noir Flavor“ gibt er viele Einblicke in seine Tricks der iPhone Street Photography.

 

Das richtige Timing zu finden, erfordert einiges an Übung. Aber du wirst sehen, wie schnell du dich verbesserst – und wie spannend es ist, sich „unsichtbar“ in einer Menge zu machen.

 

  • Falsche Fährten legen: Tue so, als würdest du etwas ganz Anderes fotografieren. Gebe deinem eigentlichen Motiv das Gefühl, als hättest du den Auslöser schon gedrückt – oder, als wäre er durch dein Bild gelaufen.

Motivsuche und Komposition bei der Street Photography

Nachdem du jetzt weißt, wie du dich unbemerkt durch die Straßen bewegen kannst, geht es nun um die Themen „Motivsuche“ und „Komposition“.

 

Zoome mit den Füßen

Der legendäre Magnum-Fotograf Robert Capa hat gesagt:

„Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran.“

Denke also daran: Je prominenter dein Motiv den Bildausschnitt füllt, desto besser. Verzichte also auf alles, was die Aussage deines Fotos nicht unterstützt.

 

Zoome mit den Füßen. Gehe nah ran. Wie das gelingt, habe ich dir ja bereits erklärt.

 

Motive gibt es auf der Straße genug. Alles ist in Bewegung. Das macht den Reiz aus. Einerseits kommt es auf schnelles Handeln an, bevor der Moment vorbei ist. Andererseits gibt es aber auch Dinge, die plan- oder vorhersehbar sind. Die Mischung aus Reaktionsvermögen und Instinkt macht die Magie von Street Photography aus.

 

Kulisse

Suche dir eine Bühne und warte auf die Protagonisten. Eine Kulisse kann eine Wand sein, ein Hauseingang, ein Gebäude, eine Straßenkreuzung – die Optionen sind schier endlos. Häufig sind es Texturen, Lichteinfall, Schatten, Farben oder Grafik, die einen Ort zur einer reizvollen Kulisse machen.

 

Wenn du einen spannenden Rahmen gefunden hast, nimm dir Zeit und studiere das Licht. Aus welcher Richtung kommt es? Wohin fallen die Schatten? Welche Qualität hat es? Scheint die grelle Mittagssonne? Oder dominieren die sanften Töne am Morgen oder Abend?

 

Wenn alles an seinem Platz ist und die Position bezogen hast, kannst du in aller Ruhe warten, bis die Protagonisten vorbeiziehen. Schichte Ebene auf Ebene, bis sich komplexe Szenen ergeben. Konstruiere. Komponiere.

 

Perspektive

Oft lohnt es sich, die Szene aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Gehe in die Knie oder recke dich in die Höhe. Probiere aus, wie dein Motiv aus der Schräglage aussieht. Sei flexibel.

 

Abstrahiere

Nicht alles muss sich auf den ersten Blick erschließen. Auch Schärfe ist aus meiner Sicht oft nicht das entscheidende Kriterium, ob ein Foto gelungen ist oder nicht. Oft ist es gerade eine leichte Bewegungsunschärfe, die einem Motiv den Hauch des Mysteriösem und damit seine Einzigartigkeit verleiht.

 

Hier einige Beispiele:

Alle Bilder haben eine leichte Unschärfe. Trotzdem habe ich sie nicht gelöscht. Die Bildaussage ist mir oft wichtiger als messerscharfe Pixel.

 

Ebenso lohnt es sich, nach grafischen Elementen Ausschau zu halten oder Gegenstände so anzuschneiden, das ungewöhnliche Perspektiven entstehen.

 

Ich muss zugeben, dass ich lange gebraucht habe, um mein iPhone für Streetphotography zu entdecken. Mittlerweile lasse ich aber immer häufiger meine Fuji X-Pro1 zu Hause. Handlich ist sie zwar auch. Aber an das Handy kommt sie eben trotzdem noch nicht heran. Es ist immer dabei, der Aufwand ist gering. Ausreden gibt es keine, immer und überall an deinen fotografischen Fähigkeiten zu feilen.

 

Zumal die Qualität beachtlich ist. Apple hat vor einiger Zeit ja sogar eine Kampagne gestartet, um zu beweisen, dass sich iPhone-Fotos hervorragend als Vorlagen für großflächige Plakate eignen.

 

Abschließend noch ein paar Techniken der iPhone-Kamera-App.

 

Um noch schneller bereit zu sein, kannst du die Belichtung und den Fokus feststellen. Das bietet sich zum Beispiel an, wenn du längere Zeit an einem Ort bleibst und sich die Lichtverhältnisse sowie dein Abstand zum Motiv sich nicht verändern. Du brauchst dann nur einmal zu messen und kannst dich anschließend ganz auf die Komposition und den Klick konzentrieren. Öffne einfach die iPhone-Kamera-App und drücke auf das Display, bis am oberen Rand in Gelb die Anzeige „AE/AF-Sperre“ erscheint. Die Einstellungen werden jetzt so lange beibehalten, bis du sie durch erneutes Tippen auf das Display aufhebst.

 

Im Vergleich zu DSLR- oder Systemkameras ist die iPhone-Fotografie keine Sache der Technik. Einige Dinge lassen sich einstellen, aber das ist nichts im Vergleich zu den vielen Knöpfen und Rädchen bei herkömmlichen Kameras. Im Vordergrund steht der intuitive Ausdruck deiner Kreativität, das Kreieren im Moment. Es geht darum, möglichst ungestört seiner Muße zu folgen, ohne das komplizierte Technik im Weg steht.

 

Reagiere auf deine Impulse. Wann juckt es dir im Finger, den Auslöser zu drücken? Dein iPhone ist immer schnell zur Hand und einsatzbereit. So lernst du, auf was du visuell anspringst. Schaue dir hinterher deine Bilder genau an und analysiere sie. Gibt es Muster, denen du folgst? Welche Gemeinsamkeiten lassen sich erkennen – sowohl bei der Motivauswahl als auch bei der Komposition.

 

Auf diese Weise schulst du deinen fotografischen Blick, entwickelst deinen persönlichen Stil und lernst letztlich dein „Warum“ in der Fotografie kennen.

 

Lege den Tarnanzug an und ziehe los auf die Straße.

 

Photo-Apps für Smartphones

Außer der iPhone-Kamera-App gibt es noch eine Reihe von anderen Apps. Hier ist eine Auswahl von welchen, die ich gerne verwende. Ich werde die Liste fortlaufend erweitern, wenn ich neue entdeckt und ausprobiert habe:

 

ProCamera

Getrenntes feststellen von Belichtung und Fokus möglich. Darüber hinaus bietet ProCamera weitere Features, die weit über die der eingebauten iPhone Kamera-App hinausgehen. So erweitert beispielsweise die Einführung der Aufnahme und Bearbeitung von RAW-Dateien die professionelle Möglichkeiten der iPhone Fotografie.

 

Hipstamic

Aktuell mein absoluter Favorit. Optisch gleicht Hipstamic einer Filmkamera, wenn du die App öffnest. Außer verschiedene Objektive kannst du aus zahlreichen Filmen wählen und dir so einen individuellen Look für deine Bilder zusammenstellen. Zum Bearbeiten steht dir eine digitale Dunkelkammer zur Verfügung, in der du die üblichen Parameter wie Kontrast, Schatten, Belichtung, Schärfe etc. anpasen kannst.

Podcast

GATE7
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Hier kannst du in die Folge über den „Fotografischen Blick“ reinhören.

David duChemin

„Das Herz der Fotografie“ – Fragen und Ideen für ausdrucksstärkere Bilder

Wer sich mit dem Thema Kreativität in der Fotografie schon einmal beschäftigt hat, der wird den Namen David duChemin kennen. Der Kanadier ist ein Weltreisender mit der Kamera und zählt mittlerweile auch zu einem der renommiertesten Autoren für Fotoratgeber. Sein neuestes Buch heißt: „Das Herz der Fotografie – Fragen und Ideen für ausdrucksstärkere Bilder“.

Hallo, ich bin Kai. Journalist aus Hamburg – vor allem aber leidenschaftlicher Reisender und Fotograf. Um beide Themen geht es auf GATE7.

 

Ich möchte dir zeigen, wie du mit deiner Lust am Fotografieren abhebst, tief in fremde Kulturen eintauchst, Land und Leute kennenlernst – um am Ende ganz bei dir zu landen. Entdecke die emotionale Seite der Fotografie und mache unterwegs Bilder, die dir wirklich etwas bedeuten.

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