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    Torsten Weigel: „Die spannendsten Dinge erschließen sich nicht immer über den leichtesten Weg“

    Torsten Weigel beim Gipfelanstieg auf dem schneebedeckten Kasbek. Der Kasbek ist der dritthöchste Berg Georgiens und der achthöchste Berg des Großen Kaukasus.
    @ Torsten Weigel

    Torsten Weigel liebt das Reisen. Der freie Autor und Fotograf hat bereits 42 Länder besucht. Die Anzahl der Stempel in seinem Pass interessiert ihn aber nicht. Er sagt: „Es geht aber nicht darum, wie viel man sieht, sondern was man daraus macht.“ Ein Gespräch über Mut und Risiko unterwegs.

    Außerdem geht es in diesem Interview darum, welche Rolle die Fotografie auf Torstens Touren spielt.

    Im Mittelpunkt stehen dabei folgende Fragen:

    • Wie schafft man es, eine Reise bewusst nicht nur durch den Sucher der Kamera zu erleben?
    • Warum lohnt es sich lohnt, auf einige Bilder bewusst zu verzichten.
    • Wieviel Psychologie steckt in der Fotografie?
    • Wieviel kann man durch Fotografie über sich selbst lernen?

    „Wie und was man fotografiert, verrät viel über den Menschen hinter der Kamera.“

    Seit frühester Jugend zieht es Torsten in die Ferne. Der Drang nach neuen Erfahrungen fernab der gewohnten Wege lässt ihn nicht los:

    „Was mich antreibt ist der Wunsch, verschiedene Facetten unseres Planeten zu erleben und zu erfassen. Dafür bin ich bereit die Komfortzone zu verlassen und an meine Grenzen zu gehen. Denn die spannendsten Geschichten und beeindruckendsten Naturschauspiele erlebe ich oft in abgelegenen Regionen und fernab der täglichen Routine.“

    „Die Natur ist ein hervorragender Lehrmeister – oft jedoch auch gnadenlos.“

    Das Reisen ist für ihn eine Lebensschule. Die Lektionen musste er teils auf die harte Tour lernen. „Die spannendsten Dinge erschließen sich häufig nicht immer über den leichtesten Weg“, sagt Torsten: „Die Natur ist ein hervorragender Lehrmeister – oft jedoch auch gnadenlos. Wenn man Fehler in der Planung macht oder unbedarft an ein Abenteuer herangeht, bekommt das sehr direkt zu spüren. Daraus kann man viel lernen. Die Komfortzone zu verlassen ist selten angenehm, sonst würde sie ja auch nicht so heißen.“

    Torsten erinnert sich noch genau an einem Moment, als ihn die Natur auf eine harte Probe stellte:

    „Nach dem Abitur war ich in den Anden unterwegs. Das war meine erste Erfahrung im Höhenbergsteigen. Ich bin sehr naiv und unbedarft an die Sache hergegangenen. Ich dachte, ein Schlafsack für fünf Grad plus reicht aus, wenn man in 6000 Metern Höhe unterwegs ist. Dort herrschten aber teils minus 20 Grad. Das war dann überhaupt nicht romantisch, sondern verdammt kalt. Ich habe mir sofort nach der Reise einen angemessenen Schlafsack gekauft und seitdem auch nie wieder im Gebirge gefroren. Das war eine Erfahrung der harten Sorte.“

    „Man sollte sich genau überlegen, was man bereit ist zu riskieren.“

    Heute kann Torsten über die Geschichte lachen. Es hätte aber auch schlimmer ausgehen können. Er mahnt: „Jede Erfahrung muss man nicht macht. Ich bin mittlerweile sehr vorsichtig geworden und plane alles sehr akribisch.

    Einen Fehler habe ich bisher nie doppelt gemacht im Outdoor-Bereich. Unser Leben ist schon kurz genug. Daher sollte man sich genau überlegen, was man bereit ist zu riskieren. Ich würde nie unbedarft in etwas hineinstolpern, nur um zu schauen, wie es ausgeht.“

    „Wer sehen kann, kann auch fotografieren. Sehen lernen kann allerdings dauern.“

    Leica

    In Sachen Fotografie ist Torsten Autodidakt. Die „fotografische Denkgeschwindigkeit“ sei für ihn anfangs die größte Hürde gewesen: „Es hat gedauert zu verstehen, welche Parameter, sprich ISO, Zeit und Blende, welche Auswirkungen haben. Das Gefühl dafür, welches Rädchen ich für die richtige Einstellung drehen muss, hat sich langsam entwickelt.“

    „Ich bin eher der emotionale statt der technische Fotograf.“

    Das Arbeiten am fotografischen dauert an: „Das ist ein Prozess, der nie abgeschlossen ist. Als Mensch verändert man sich ja auch über die Jahre und bekommt einen anderen Blick.

    Der Fotograf Torsten Weigel ist ein Mensch, der neugierig ist und versucht, sich in einen Ort und seine Menschen hineinzudenken. Ich bin eher der emotionale statt der technische Fotograf. Meine Fotos entstehen aus dem Bauch heraus.

    Mein Ansatz ist es, ein ehrliches Interesse gegenüber meinen Motiven zu haben. Ich drücke einfach nicht nur auf den Auslöser, sondern möchte eine Gegend und seine Menschen spüren.

    Als Journalist bereite ich mich ebenfalls intensiv auf einen Ort vor und lese viel. Daraus ergibt sich ein Bauchgefühl, dass mir einen tieferen Zugang verschafft. Dieser Zugang führt letztlich auch dazu, dass ich mich für eine fotografische Perspektive entscheide. Viel läuft unterbewusst ab. Die bewussten Triebfedern sind aber echtes Interesse, Neugier und ein gewisser Anspruch.“

    Die Geschichte hinter dem Bild

    In der Abendstimmung hat Torsten Weigel drei Männer beim Angeln in Westaustralien an der Küste des Indischen Ozeans fotografiert. Herausgekommen ist eine schöne Gegenlichtaufnahme.
    @ Torsten Weigel

    „Das war nicht spektakulär – aber einfach schön.“

    „Technisch betrachtet ist dieses Bild kein Hexenwerk. Eine klassische Gegenlichtaufnahme.

    Doch für mich bedeutet diese schöne Abendstimmung am indischen Ozean mehr als ein Schattenspiel. Es drückt ein Lebensgefühl aus.

    Zu dieser Zeit war ich allein in Westaustralien unterwegs, einer doch recht lebensfeindlichen Region. Ich war meinen eigenen Gedanken schonungslos ausgeliefert. Nach vielen einsamen Tagen kam ich an die Küste in diesen Moment hinein.

    Die drei Jungs strahlten eine unheimliche Lebensfreude und Entspanntheit aus. Einer stützt die Angel lässig auf seinen Oberschenkel und hat sein Handy in der Hand. Der andere scheint zu lachen.

    Die Szene zeichnet gewisse Lockerheit aus. Drei Angler, die während der Zeit, die ich mit ihnen verbrachte, nur Algen fingen. Trotzdem hatten sie unheimlich viel Spaß. Das war so ansteckend und voller Wärme. Nach dem Shooting luden sie mich noch auf ein Bier. Das war nicht spektakulär – aber einfach schön.“

    Torsten Weigel hat die kleine Stadt Ushguli in Georgien fotografiert. Im Hintergrund türmen sich schneebedeckte Gipfel auf. Ein typisches Panorama für die Region Swanetien.
    @ Torsten Weigel

    „Dieses Foto stammt aus einem aktuellen Projekt, das „Projekt 7000“ heißt.

    Das vorherige Weltumrundungsprojekt war größtenteils als Solo-Abenteuer konzipiert. Jetzt mache ich genau das Gegenteil. Ich habe einen international besetzten Kader von zwölf Leuten zusammengestellt.

    In den kommenden zwei Jahren werden wir nach Georgien, Peru, Bolivien und Kirgistan reisen, um dort Berge zu besteigen. Das alles dient als Vorbereitung, um am Ende den Pik Lenin zu besteigen, der 7134 Meter hoch ist. Das ist der höchste Berg der Transalai-Kette im nördlichen Teil des Pamir.

    Auf verschiedenen Etappen tasten wir uns langsam heran. Angefangen sind wir in Georgien, wo wir in Swanetien unterwegs waren. Und dieses Foto zeigt exakt, was diese Region ausmacht: Viel Natur, kleine Dörfer und eine mächtige Gebirgswelt mit schroffen bis zu 5000 Meter hohen Gipfeln.“

    Torsten Weigel hat einen Freund beim Sprung über eine Felsspalte im Valley of Desolation in Südafrika fotografiert.
    @ Torsten Weigel

    „Das ist der Martin, ein guter Freund von mir. Aufgenommen wurde das Foto in Südafrika, im Valley of Desolation.

    Dieses Bild ist für mich ein Symbol für das Thema Risiko. Risiko ist eine Sache, die uns im täglichen Leben begleitet. Oft wird sehr schnell geurteilt und Menschen werden für verrück oder extrem erklärt.

    „Extrem ist etwas für die, die etwas nicht beherrschen.“

    Dazu fällt mir die Geschichte eines Surfers aus Hawaii ein, der eine zehn Meter hohe Welle reitet. Für jemanden aus Berlin oder Hamburg ist das schwer vorstellbar. Das hat auch ein Journalist gedacht, der am Strand saß. Als der Surfer aus dem Wasser kam, hat er gesagt: ‚Wow, das war ja extrem.‘

    Der Surfer antwortet: ‚Für dich mag das vielleicht so ein. Ich aber stehe seit meinem vierten Lebensjahr jeden Tag auf dem Brett. Es ist immer noch eine große Herausforderung, diese Welle zu surfen, aber es ist nicht extrem. Extrem ist etwas für die, die etwas nicht beherrschen.’

    Das ist sehr plakativ, aber was man daraus mitnehmen kann, ist folgendes: Man ist immer einem gewissen Risiko ausgesetzt. Für mich ist es immer wichtig zu schauen, was genau hinter dem Risiko steht.

    Bei dem Sprungfoto, das mit einem Weitwinkel aufgenommen wurde, sieht die Szene sehr dramatisch aus.

    Wenn man genauer hinschaut, dann war es ein Sprung über knapp zwei Meter.

    Martin und ich haben aber eine Sprungkraft von bis zu fünf Metern. Dann wird das Risiko plötzlich viel berechenbarer.

    So kann man sich herantasten. Dieses Foto ist ein Anstoß darüber nachzudenken, was Risiko ist. Und eine Aufforderung, bewusste Entscheidungen zu treffen.

    Ich würde nie jemanden anstiften, diesen Sprung zu wagen. Wenn jemand sagt, dass es ihm zu weit ist oder der Wind zu stark weht, dann ist das in Ordnung.

    „Wünsche mir kein Glück. Denn wenn ich Glück bräuchte, wäre ich nicht gut vorbereitet. Wünsch mir lieber kein Pech.“

    Dieses Foto zeige ich regelmäßig bei meinen Vorträgen. Oft wird es begleitet von einem Raunen  – oder Kopfschütteln nach dem Motto: ‚Muss das denn sein? Mag der sein Leben nicht?’

    Nach den Vorträgen kommen häufig Menschen zu mir und wünschen mir viel Glück für meine nächsten Projekte. Dann entgegne ich immer: ‚Nein, wünsche mir kein Glück. Denn wenn ich Glück bräuchte, wäre ich nicht gut vorbereitet. Wünsch mir lieber kein Pech.‘

    Das ist ein großer Unterschied, den man auch auf das Foto beziehen kann.

    Wenn ich Glück bräuchte, um die Spalte zu überspringen, dann wäre das eine dumme, lebensmüde Aktion.

    Ich kann aber fünf Meter springen und muss nur zwei Meter springen.

    Würde in der Situation aber ein überdimensionaler Raubvogel kommen und mich aus der Luft picken, so dass ich in den Abgrund stürze, dann wäre das Pech.

    Deswegen sage ich: ‚Wünsche mir kein Pech – für den Rest bin ich selbst zuständig‘.“

    Q&A mit Torsten Weigel

    • Lieblingszitat – zum Thema Fotografie oder allgemein: „Wer sehen kann, kann auch fotografieren. Sehen lernen kann allerdings dauern.“ – Leica. Und: „Ein Weg bildet sich dadurch, dass er begangen wird.“ – Dschuang Dsi
    • Lieblingsreiseland: Ich finde es gibt in (fast) jedem Land faszinierende und weniger faszinierende Ecken. Aber Südafrika, Norwegen und Australien (speziell Tasmanien) bereise ich zum Beispiel besonders gerne.
    • Lieblingsfotograf: Gibt es in dieser Form nicht. Ich entdecke immer wieder aufs Neue Künstler, die mich beeindrucken. Aktuell bestaune ich etwa die Arbeit von Jimmy Chin, der es eindrucksvoll schafft, anspruchsvollste Bergtouren zu dokumentieren.
    • Ein Fotograf, den ich kürzlich entdeckt habe und der mich begeistert: Ich muss gestehen, dass ich nicht gezielt nach neuen Fotografen suche. Es ist eher so, dass ich zufällig, etwa auf Instagram oder in einer Reportage, auf sie aufmerksam werde. Vor Kurzem habe ich etwa Ralf Gantzhorn wiederentdeckt. Seine Arbeit finde ich klasse! Nachdem ich nun Jimmy Chin und Ralf Gantzhorn erwähnt habe möchte ich noch bemerken, dass mein Fokus nicht ausschließlich auf der Bergfotografie liegt, sonder breit gefächert ist. Aber diese beiden Namen sind bei mir aktuell sehr präsent…
    • „Das ist in meiner Fototasche“: 1-2 Bodies von Canon, 2-4 Objekte, GoPro, Lenspen, Speicherkarten, Ersatzakkus + Ladegerät(e). Dazu meist ein Hartschalenkoffer für meine DJI-Drohne.
    • Lieblings-Song, den du hörst, wenn du reist und der Fernweh in dir weckt: GoGoPenguin* – Window.

    Abonniere die Gate7-Playlist auf Spotify und entdecke die Lieblingslieder meiner Podcast-Gäste. Damit hast du den perfekten Soundtrack für unterwegs.

    • App oder Tipp, der dir das Reisen / Fotografieren erleichtert: Offlinekarten von MAPS.ME helfen mir auch dort zu navigieren, wo keine mobilen Daten zur Verfügung stehen. Sun Surveyor ist zudem mein Tipp wenn es darum geht, den Verlauf der Sonne nachzuvollziehen.
    • „Ohne … gehe ich nicht (mehr) auf Reisen“: Top3: Ohropax, Zahnbürste, Merinoshirt. Ganz banal, aber unglaublich nützlich. (lacht)

    Shownotes

    Torsten Weigel wohnt in Berlin. Hauptberuflich ist er freier Journalist, Vortragsredner und Fotograf.

    In seinem Buch "Abenteuer Südhalbkugel" berichtet Torsten Weigel von seiner Tour in sechs Monaten durch sechs Ländern auf drei Kontinenten. Aktuell widmet er sich dem Projekt 7000. Dahinter steckt folgendes Ziel:

    Zwei Jahre. Drei Kontinente. Vier Gebirge. 30 Gipfel.

    Projekt 7000 wird eine abenteuerliche Reise, eine große Herausforderung für Mensch und Material.

    Gemeinsam wollen wir uns auf den Weg machen, um Berge zu besteigen, abgelegene Regionen zu erkunden und das Gespräch mit den Einheimischen zu suchen.

    Über seine Weltreise hat Torsten ein Buch geschrieben: „Abenteuer Südhalbkugel. Sechs Monate, sechs Länder, drei Kontinente“* (Piper/Malik)

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